Wen treffen die russischen Importverbote am stärksten?

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Deutschland und Polen werden unter den Importverboten Russlands am meisten zu leiden haben, während Russlands Nachbar Finnland sowie die baltischen Staaten Litauen und Lettland einen deutlichen Rückgang ihrer jeweiligen Bruttoinlandsprodukte (BIP) befürchten müssen. Norwegen wird mit dem völligen Rückgang seiner Fischexporte nach Russland zu kämpfen haben, während der Schaden für die USA relativ gering ausfallen wird.

Die russischen Importverbote beziehen sich auf Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch sowie Milch und Milchprodukte aus den 28 Ländern der Europäischen Union (EU) sowie aus den USA, Kanada, Norwegen und Australien. Diese Verbote sollen zunächst auf ein Jahr beschränkt bleiben.

Die EU ist in erheblichem Maße von Lebensmittelexporten nach Russland abhängig. Im vergangenen Jahr importierte Russland nach Angaben von Eurostat Lebensmittel im Wert von knapp zwölf Milliarden Euro, etwa zehn Prozent der gesamten Exporte, aus der EU. Was die Größenordnungen angeht, werden Deutschland, Polen und die Niederlande – 2013 die führenden drei Lebensmittelexporteure der EU nach Russland − die größten Verluste hinnehmen müssen. Lebensmittelexporte nach Russland machen etwa 3,3 Prozent der gesamten deutschen Exporte aus.

Der französische Landwirtschaftsminister Stéphane Le Foll erklärte, seine Regierung führe bereits Gespräche mit Deutschland und Polen, um eine gemeinsame politische Reaktion auf die neuen russischen Sanktionen zu erörtern. Im letzten Jahr exportierte Irland Käse im Wert von 4,5 Millionen Euro nach Russland. Ein Exporteinbruch in diesem Jahr würde seinem Land erheblichen Schaden zufügen, sagte der irische Landwirtschaftsminister Simon Coveney.

Den Landwirten in ganz Europa drohen massive Verluste, sollten sie keine anderen Absatzmärkte für ihre Produkte, insbesondere in den Bereichen Obst und Gemüse, finden. Daher werden in einigen Ländern Entschädigungszahlungen für entgangene Einnahmen gefordert. »Wenn es keinen entsprechenden Absatzmarkt gibt, werden die Preise sinken, und wir wissen nicht, ob wir dann überhaupt die sehr hohen Produktionskosten erwirtschaften können«, meinte der Landwirt José Emilio Bofi, der in Spanien eine Orangenplantage betreibt, gegenüber RussiaToday.

Wichtige Lebensmittelexporteure nach Russland (Quelle: Reuters, International Trade Center)

Land Exporte nach Russland 2013 (in Milliarden Euro)

Weißrussland 2,04

Brasilien 1,8

Ukraine 1,49

Deutschland 1,37

Türkei 1,25

China 1,2

Polen 1,16

USA 1,15

Niederlande 1,06

Frankreich 1,06

Italien 1,00

Spanien 0,94

Andere EU-Länder 3,64

Die größte griechische Oppositionspartei forderte die Regierung auf, die Sanktionen gegenüber Russland auch einseitig aufzuheben, selbst wenn dieser Schritt nicht von den anderen EU-Staaten befürwortet werde. Im Jahr 2013 exportierte Schweden Produkte, auf die nun ein Importverbot ausgesprochen wurde, im Wert von knapp 470 Millionen Euro. Der rumänische EU-Landwirtschaftskommissar Dacian Cioloş will am Montag eine Arbeitsgruppe einsetzen, die sich mit den russischen Sanktionen beschäftigen soll.

An Russland direkt angrenzende betroffene Länder

Auch Litauen und Finnland, die beide unmittelbar an Russland grenzen, könnten von den neuen Importbeschränkungen in erheblichem Maße betroffen sein. Litauen ist zwar einerseits ein Mitglied der EU und der NATO, andererseits aber in wirtschaftlicher Hinsicht immer noch eng mit Russland verbunden.

Die Importverbote machen nach Angaben von Capital Economics einen Anteil von 2,5 Prozent des BIP des Landes aus. Gemüse und andere Lebensmittel gehören zu den fünf wichtigsten Exportgütern Litauens.

Der finnischen Molkereiindustrie droht aufgrund des Wirtschaftskrieges ein Verlust von 400 Millionen Euro. Der Handel mit Russland macht 14 Prozent der finnischen Gesamtausfuhren aus. Sowohl Finnland als auch Litauen haben sich bereits in Brüssel über die Folgen der russischen Sanktionen beklagt.

Ihr skandinavischer Nachbar Norwegen gehört zu den großen Exporteuren von Fisch und Meeresfrüchten nach Russland. Vor allem die russischen Fischereiunternehmen und Produzenten von Fischerzeugnissen bekamen die Folgen der Sanktionen schon positiv zu spüren. Bei einigen Unternehmen stiegen die Aktienkurse nach Einführung der Importverbote bereits deutlich um teilweise bis zu 40 Prozent an.

USA nicht so stark betroffen

Die Auswirkungen der russischen Importverbote für die USA dürften deutlich schwächer ausfallen, da die US-Lebensmittelexporte nach Russland nach Angaben des US-Landwirtschaftsministeriums gegenüber der Nachrichtenagentur RIA Novosti nur etwa 0,1 Prozent des amerikanischen BIP ausmachen. Demgegenüber machen die Exporte Russlands in die USA und Europa etwa 13 Prozent des russischen BIP aus. Im vergangenen Jahr exportierten die USA Lebensmittel im Wert von 1,3 Milliarden Dollar nach Russland, etwa ein Viertel davon entfiel auf Geflügelfleisch.

Bisher haben die USA, die EU, Kanada, Australien und Norwegen noch nicht auf die russischen Vergeltungsmaßnahmen reagiert.

Welche Folgen haben die Importverbote für Russland selbst?

Die Importverbote werden zunächst eine Versorgungslücke in der Größenordnung von 9,5 Milliarden Dollar auf den russischen Nahrungsmittelmärkten hervorrufen, die schnellstmöglich geschlossen werden muss. Russland ist bereits mit lateinamerikanischen Ländern im Gespräch, wie diese Lücke etwa durch Fleischlieferungen aus Brasilien und Käselieferungen aus Neuseeland geschlossen werden könnte. Zugleich verhandelt Russland mit Kasachstan und Weißrussland, die zusammen mit Russland seit 2011 eine Zollunion bilden. Es will erreichen, dass diese Länder den Transit westlicher Güter nach Russland unterbinden.

Die russische Regierung sieht diese Importverbote auch als Chance zur Stärkung und Entwicklung seiner eigenen Industrien und als Schutz der heimischen Wirtschaft. Zur Unterstützung einheimischer Unternehmen hat die Regierung etwa den Landwirten bereits Finanzhilfen in Höhe von 37 Milliarden Euro zugesichert.

Aber nach Meinung einiger Experten dürften diese Summen nicht ausreichen, um einen Preisanstieg bei Lebensmitteln zu verhindern. Dies würde die Inflation in Russland weiter anheizen. Aber eine höhere Inflationsrate träfe nicht nur die Lebensmittelkäufer in Russland, sondern auch die Exportbereiche der russischen Erdöl-, Erdgas-, Metall- und Bergwerksindustrie.

Auch die Restaurants in Russland werden sich an die neue Situation anpassen müssen. Immerhin hätten sie bisher etwa 50 Prozent ihrer Produkte aus dem Ausland importiert, berichtete Bloomberg News unter Berufung auf die OAO Rosinter Restaurants Holding, die 370 Restaurants in Moskau betreibt.

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