Der Mann, der nicht schweigen kann

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Von Chaim Noll

Wir hatten im Scherz gewettet, wie lange er es schaffen würde, zu schweigen. Man sah ihm an – und mehr noch seiner Frau Michelle –, dass sie das Weiße Haus ungern verließen. Acht Jahre sind eine lange Zeit, da kann es geschehen, dass man sich an eine Immobilie gewöhnt. Es hieß, das Paar werde nach Kalifornien fliegen, in den verdienten Urlaub. Am Strand sitzen, ein gutes Buch lesen, schweigen. Ich gab ihm vier Wochen. Die Wette hätte ich verloren: Schon nach zehn Tagen meldete er sich wieder zu Wort.

Obama war der elfte amerikanische Präsident in meinem Leben. Ich bin noch zur Zeit von Präsident Eisenhower geboren, habe also diesen, seinen Nachfolger Kennedy, dessen Nachfolger Johnson, dann „Tricky Dick“ Nixon, Gerald Ford, Carter, Reagan, Bush den Älteren, Clinton, Bush den Jüngeren, Obama und Trump erlebt, bisher insgesamt ein Dutzend US-Präsidenten, sehr unterschiedliche Männer, beliebt oder weniger, redegewandt oder eher zurückhaltend, doch noch keiner hatte es fertig gebracht, sich schon zehn Tage nach dem Amtsantritt seines Nachfolgers erneut in die Politik einzumischen.

Kein Wort gegen islamistische Terroristen

Nicht, dass er etwas Atemberaubendes gesagt hätte. Es war kaum mehr als die übliche Aufreihung von Stereotypen, die wir aus den acht Jahren seiner Amtszeit kennen. Diesmal:

Er sei „fundamental“ dagegen, „Menschen auf Grund ihres Glaubens oder ihrer Religion zu diskriminieren“. Trotz des starken Adverbs „fundamental“ ein Bekenntnis, das niemandem wirklich zu nahe tritt.

Vor allem nicht denen, die Menschen auf Grund ihres Glaubens oder ihrer Religion den Kopf abschneiden, sie mit Bomben in die Luft jagen, vergewaltigen oder aus ihrem Land treiben, was heute im Mittleren Osten jeden Tag zahlreich geschieht, und wogegen er, als er noch im Weißen Haus saß, wenig unternommen hat. Seine Stärke war auch damals das Reden.

„President Obama is heartened by the level of engagement taking place in communities around the country“, meldete ein Presse-Sprecher. Deutsche Medien übersetzten: „Es geht ihm ans Herz…“ Und fügten erklärend hinzu: nach amerikanischem Sprachgebrauch würde auch ein ehemaliger Präsident weiterhin mit „President“ bezeichnet und angeredet. Um uns schonend an den Gedanken zu gewöhnen, fortan Presse-Erklärungen von mindestens zwei Präsidenten zu lesen oder zu hören, von dem, der im Weißen Haus sitzt, und dem, der es ungern verlassen hat.

Er fühlte sich dort wohl, umgeben von wärmenden Wolken der Zustimmung. Millionen Menschen in aller Welt haben Obama gern reden hören, er verstand es wie kein Präsident vor ihm, angenehme Gefühle auszulösen, grenzenlose Hoffnung zu schüren, diffuse Träume in Bewegung zu setzen, und vielleicht möchten sie ihn auch weiterhin hören, ob im Weißen Haus oder außerhalb, egal.

Die Welt noch mehr verwirren?

Ich gehöre zu denen, die ihn nicht so gern hörten. Er erinnerte mich in seinem pädagogischen Duktus, mit seinem bitteren, sendungsbewussten Gesicht, mit den berechneten schauspielerischen Effekten zu sehr an einen Sonntagsschul-Redner. Mir ging es wie Tom Sawyer in Mark Twains Roman: ich habe mich bei diesen rhetorisch brillanten Predigten schrecklich gelangweilt. Acht Jahre lang.

Der Mechanismus war eigentlich bald zu erkennen: Auf die „fundamentalen“ Reden folgte nicht viel sinnvolles Handeln, und wenn doch einmal, richtete es sich kaum gegen jene, die „Menschen wegen ihres Glaubens oder ihrer Religion diskriminieren“.

Theoretisch könnten noch andere amerikanische Präsidenten Presse-Erklärungen abgeben, die mit der Formel beginnen: „The President says or thinks, agrees or disagrees…“. Denn auch Carter, die beiden Bushs und Clinton sind noch am Leben und im Besitz ihres Titels, außerdem die Fast-und-Eigentlich-Präsidentin Hillary. Müssen wir uns gefasst machen auf eine Mehr-Präsidenten-Herrschaft von zwei, drei oder fünf Regenten, die einander widersprechende Botschaften verkünden und die ohnehin verworrene Welt noch mehr verwirren?

Wahrscheinlich nicht. Die meisten Präsidenten genießen ihren Ruhestand und haben andere Beschäftigungen gefunden als großen Zuhörermassen mit unerfüllbaren Versprechen die Köpfe zu vernebeln. Nur von Obama werden wir noch viel hören. Aus dem einfachen Grund: Weil er sich selbst gern hört. Der „schwarze Messias“ ist er nicht gewesen, vielleicht reicht es zur Rolle eines Schatten-Präsidenten. Seine Auftritte erweckten schon immer den Eindruck, er selbst habe den größten Genuss davon.

Quelle: Achgut